Wir wissen, woher wir kommen – und wo wir hinwollen

Vor fast 120 Jahren, im November 1894, wurde in Wien Margareten in einem Gasthof die Sozialistische Jugend Österreichs gegründet. Im Gründungsflugblatt hieß es dazu: “Jedes Tier hat seinen Beschützer, das sind die Tierschutzvereine, die dafür sorgen, dass das Pferd nicht unnötigerweise vom Kutscher geschlagen wird; die Vögel haben ihre Beschützer, die dafür sorgen, dass sie im Winter ihr Futter finden; und existiert für den Lehrling etwa ein Verein, der dafür sorgt, dass er nicht unmenschlich behandelt wird? Nein!”

Das sollte sich mit der Vereinsgründung ändern, und gerade zur rechten Zeit: Jugendliche mussten damals von Kindesbeinen an unter heute nur mehr schwer vorstellbaren Bedingungen schuften, die wenigsten wurden älter als 30 Jahre. Der Verein Jugendlicher Arbeiter wurde zur Stimme dieser jungen Menschen, denen gierige KapitalistInnen die Kindheit gestohlen hatten.

Die Organisation entwickelte sich rasch: Bis 1914 hatte es der Verein auf mehr als 16.000 Mitglieder gebracht, die sich vehement für die Erfüllung ihrer Forderungen einsetzten. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellte die Organisation jedoch vor kaum bewältigbare Probleme. Die Behörden machten die Vereinsarbeit fast unmöglich und das sinnlose Blutvergießen, das sie im Gegensatz zu vielen anderen politischen Verbänden von Anfang an abgelehnt hatten, kostete Millionen junger ArbeiterInnen das Leben.

Die österreichische Revolution

1918 war der Krieg zu Ende. Obwohl Österreich wirtschaftlich am Boden lag, sorgten die Abschaffung der Monarchie und die Ausrufung der Republik für einen Schwung in der Bevölkerung, wie er in unserem sonst eher bequemen Land nur selten zu spüren ist. Die Sozialdemokraten nutzten die Stimmung, um zahlreiche, für die damalige Zeit revolutionäre Gesetze zu erlassen: Frauenwahlrecht, 8-Stunden-Tag, Mindestlöhne, Arbeitslosen- und Krankenversicherungen sowie der Verbot von Kinderarbeit waren nur einige wenige dieser Meilensteine, die in kürzester Zeit die österreichische Gesellschaft umkrempeln sollten.
Die „Sozialistische Arbeiter Jugend“ entwickelte sich in der Ersten Republik zu einer in ihrer Größe beeindruckenden Organisation. 1923 verzeichnete sie einen Mitgliederstand von 38.000 Jugendlichen und noch im Jahr 1932, als sie von den konservativ-reaktionären gesellschaftlichen Kräften bereits heftigst bedrängt wurde, gab es immer noch 28.000 Mitglieder in insgesamt 528 Gruppen. Ihre Kraft bezog die SAJ vor allem aus dem hohen Niveau der inhaltlichen Arbeit, der Diskussionen und Schulungen sowie ihrer organisatorischen Stärke. Damit erlangte sie die führende Rolle bei der Unterstützung des parlamentarischen und außerparlamentarischen Kampfes der ArbeiterInnenjugend für ihre sozialen Rechte.

Austrofaschismus und Nationalsozialismus

Die Ära der ersten österreichischen Republik sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein. Faschismus und Nationalsozialismus erstarkten in Italien und Deutschland, in Österreich kämpfte die Sozialdemokratie verzweifelt gegen die Bestrebungen der Konservativen, die Demokratie abzuschaffen. In dieser Situation überrascht es nicht, dass die SAJ sich darauf vorbereitete, im Falle eines Verbotes in den Untergrund zu gehen. Der Anlass dafür erfolgte dann sehr schnell. Bereits 1933 hatte der konservative Bundeskanzler Dollfuß eine Lücke in der Geschäftsordnung des Nationalrates genutzt, um das Parlament auszuschalten. Von da an wurde die Freiheit der Bevölkerung systematisch immer weiter eingeschränkt, weshalb am 12. Februar 1934 von Oberösterreich ausgehend ein Aufstand der ArbeiterInnenbewegung losbrach, der von Polizei und Heer jedoch brutal niedergeschlagen wurde. Das austrofaschistische Regime beschloss in der Folge ein Verbot der SDAP und die Zerschlagung ihrer Strukturen inklusive der SAJ, die sich dadurch gezwungen sah, sich in eine geheim operierende Kaderorganisation umzuwandeln. Sie sollte die Jugend durch Schulungs- und Erziehungsarbeit gegen den geistigen Terror der Faschisten verteidigen und andererseits durch illegale Flugblattaktionen gegen die massive Verschlechterung der sozialen Situation der Arbeiterjugend mobilisieren und damit die kapitalistischen Interessen hinter der Schulterschluss-Rhetorik des faschistischen Ständestaates aufdecken.

Im Untergrund nannte sich die SAJ in Revolutionäre Sozialistische Jugend um. Sehr viele junge SozialistInnen büßten nach 1934 ihr Engagement für die Widerstandsbewegung mit hohen Kerkerstrafen oder sogar mit dem Tod. Josef Gerl etwa, ein Funktionär des Wiener Verbandes, wurde am 24. Juli 1934 hingerichtet. Der austrofaschistische Kanzler Engelbert Dollfuss hatte zuvor ein Gnadengesuch für Gerl abgelehnt. Das Dollfuss-Regime hatte ihm unterstellt, dass er beim Überfall von bewaffneten Gendarmen auf eine sozialdemokratische Gedenkveranstaltung Sprengstoff gezündet hätte, was nachweislich nicht der Fall war. „Die Idee bedeutet mir mehr als mein Leben“, rief Gerl seinen Henkern noch zu, ehe er starb. Er drückte damit aus, was alle jungen revolutionären SozialistInnen fühlten, die im Widerstandskampf standen.

Es sollte aber noch schlimmer kommen. Die sieben Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich von 1938 bis 1945 waren zweifellos das tragischste Kapitel in der Geschichte der sozialistischen Jugendbewegung. Das Aufrechterhalten einer illegalen Organisation mit einem zentralen Apparat und koordinierter Organisationsarbeit, wie sie noch zwischen 1934 und 1938 praktiziert werden konnte, war in dieser Zeit nicht möglich. Doch den Nationalsozialisten, die alle oppositionellen Kräfte geistig und physisch auszurotten versuchten, gelang es nicht, den Widerstandswillen der sozialistischen Jugend zu brechen und die Bewegung völlig zu vernichten. Als die Nationalsozialisten im Mai 1945 bedingungslos kapitulierten, war die sozialistische Jugendbewegung Österreichs bereits wieder erstanden. Am 10. April 1945, als in Wien noch heftige Kämpfe zwischen der Sowjetarmee und den Hitlertruppen stattfanden, kamen sozialistische Jugendliche unter der Führung Peter Strassers zur Gründung einer neuen sozialistischen Jugendorganisation zusammen.

Die Zukunft schaffen wir mit Links!

Die SJ schaffte es in der Zweiten Republik mühelos, sich als starke linke Jugendorganisation zu etablieren, der es auch immer wieder gelang, wichtige gesellschaftspolitische Akzente zu setzen. Obwohl es mit der stetigen Zunahme von Freizeitangeboten besonders für politische Verbindungen schwieriger wurde, engagierte Mitglieder zu finden, war die Sozialistische Jugend immer stark genug, auch auf die Straße zu gehen, wenn es die Verhältnisse erforderten. In den Sechziger Jahren protestierte die SJ etwa gegen den Vietnamkrieg und forderte einen ehrlichen Umgang Österreichs mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit ein, in den Siebziger Jahren setzte sich die Jugend mit ihren Forderungen nach der Einführung des Zivildienstes, der 40-Stunden-Woche für jugendliche ArbeiterInnen sowie der Fristenlösung durch. Es folgten Kampagnen gegen Atomkraft und Zusammenarbeiten mit internationalen Friedensbewegungen.

1992 kam es in Kärnten zu einer organisatorischen Neuausrichtung, bei der die SJ und die zweite sozialdemokratische Jugendorganisation, die JG, in einem eigenständigen Verein zusammengeführt wurden, der Sozialistischen Jungen Generation Kärnten – SJG.

Teilen